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Juli 8, 2015 Comments (0) Allgemein, Politik

Warum die Jugend sich von Europa abwendet

Die Griechen haben bei Ihrem Referendum deutlich „Nein“ gesagt. Das kann man nun finden, wie man möchte. Aber einen Randaspekt der Volksbefragung sollte man außerordentlich ernst nehmen: Die griechischen Jugendlichen haben besonders laut „Nein“ gerufen. Woran liegt dies? Und ist das ein griechisches Problem? Auch hier heißt es deutlich: Nein! Es ist leider kein griechisches Problem!
Die europäischen Jugendlichen wenden sich vom europäischen Gedanken ab. Wie konnte das passieren?!

Für alle jenseits der 35-Jahr-Marke ist diese Entwicklung erschreckend – und unverständlich zugleich. Europa steht doch mittlerweile für ein Erfolgskonzept: Ein Kontinent, mehr oder weniger ein Wirtschafts- und Währungsraum und Grundfreiheiten wie freier Waren- und Kapitalverkehr. Gut, es gibt natürlich auch die bekannten Probleme. Aber im Großen und Ganzen leben wir doch in einer guten Zeit.
Interessanterweise sehen das viele diesseits der 20-Jahr-Marke grundsätzlich anders. Sie verbinden Europa eben nicht mit Frieden und Freiheit, sondern mit Krise und Problemen. Zu Unrecht?

Blicken wir einmal von oben auf Europa. Aus dem Blickwinkel eines heute 40-Jährigen. Geboren im Jahr 1975. Der Mensch beginnt ab etwa 12 Jahren, sich politisch und gesellschaftlich zu interessieren und zu informieren. Das war also 1987. Das Privatfernsehen steckt in den Kinderschuhen, Helmut Kohl ist Bundeskanzler, Uwe Barschel kommt auf eigenartige Weise ums Leben, Mathias Rust landet auf dem Roten Platz und Ronald Reagan ruft Michail Gorbatschow in Berlin zu, die Mauer niederzureißen.
Eine Autofahrt von Hamburg nach Berlin dauert gut einen Tag, sofern das Fahrzeug bei Zarrentin nicht komplett zerlegt und wieder zusammen gesetzt wird. Auf dem Weg von Frankfurt nach Lissabon wird viermal die Währung gewechselt. Und in Karl-Marx-Stadt ist der Empfang der Tagesschau durchaus nicht ganz ungefährlich. Drei Jahre später sieht die Welt ganz anders aus: In einer friedlichen Revolution vereinigt sich Deutschland. Es folgen große Probleme, die aber bewältigt werden. Letztlich fallen die europäischen Grenzbäume, die nationalen Währungen, die tatsächlichen und virtuellen Grenzen.

Zeitsprung. Wer heute 20 Jahre ist, wurde 1995 geboren. Das politische Interesse begann somit im Jahr 2007. Der G8-Gipfel findet in Heiligendamm statt. Das erste iPhone kommt auf den Markt. Der Euro ist eine Selbstverständlichkeit. Grenzen gibt es zu unseren Nachbarn weder gefühlt noch real. Die Freiheit ist eine Selbstverständlichkeit. Doch dann das: Weltwirtschaftskrise, Finanzkrise, Bankenkrise – und gerade in Europa – die Staatsschuldenkrise. Eine Krise löst die nächste aus. Eine massiv steigende Jugendarbeitslosigkeit ist in vielen Ländern eine der Folgen. Der gemeinsame Währungsraum zeigt seine Schwächen. Die Politik findet keine Antworten. Was bedeutet es für einen 12-Jährigen, der die nächsten 8 Jahre von Krisen verfolgt wird? Nichts Gutes jedenfalls! Er hat Europa nur mit negativen Vorzeichen kennen gelernt. Und die gewonnenen Freiheiten von 1990 oder 2000 sind eine Selbstverständlichkeit, die sogar eher als Nachteile empfunden werden. Wird dieser 20-Jährige also ein Fan von Europa sein? Wohl kaum. Und das ist schade. Wenn nicht sogar gefährlich.
Die Rolle rückwärts in alte Zeiten scheint nicht mehr unwahrscheinlich. Und wenn wir nicht aufpassen, geht das schneller als wir uns vorstellen können.

Doch was ist zu tun? Wie können wir Europa auch bei der Jugend wieder „sexy“ machen?
Zunächst einmal muss die Politik verstehen, aus welchem Blickwinkel Jugendliche das Produkt „Europa“ sehen und begreifen. Sie tun es eben aus ihrer Zeit – und nicht aus der Zeit der Wiedervereinigung. Das ist ein signifikanter Unterschied.
Wie bei anderen Produkten auch, müssen die positiven Eigenschaften erläutert und verständlich kommuniziert werden. Europa ist eben nicht nur Krise mit Jugendarbeitslosigkeit. Doch dies ist nicht trivial. Es bedarf einer großen und gemeinsamen Anstrengung, jungen Menschen wieder den europäischen Gedanken und die Vorzüge unseres Kontinents und der gemeinsamen Freiheiten zu erläutern. Glaubwürdige und authentische Kommunikation, eine großen Dialogbereitschaft und das richtige Verständnis für junge Zielgruppen – das sind die Bausteine für eine erfolgreiche Europakommunikation, die junge Menschen erreicht. Dabei sollte es uns nicht interessieren, was diese Anstrengungen kosten. Denn wenn wir sie nicht unternehmen, wird es mit Sicherheit teurer. Für alle.

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